Bomben gegen Armut?

Die Internetseite German Foreign Policy analyisiert Neuigkeiten zur deutschen und europäischen Außenpolitik. Heute gibt es dort folgendes zu lesen:

Wie das „Institute for Security Studies“ der EU (EUISS) in einer aktuellen Studie schreibt, würden die Kriege der Zukunft nicht mehr zwischen Staaten geführt, sondern zwischen „ungleichen sozioökonomischen Klassen der Weltgesellschaft“ („unequal global socioeconomic classes of society“). Auf der einen Seite dieser „hierarchischen Klassengesellschaft“ („hierarchical class society“) stehe dabei eine metropolitane „Elite“, die sich aus transnational operierenden Konzernen, den Staaten der OECD und den aufstrebenden Wirtschaftsmächten Indien, China und Brasilien zusammensetze. Diese werde von Seiten der weltweiten Armutsbevölkerung mit „zunehmend explosiven Spannungen“ („increasingly explosive tensions“) konfrontiert, heißt es. Um einen Zusammenbruch des globalen Wirtschaftssystems („global systemic collapse“) zu vermeiden, fordert das Institut, gegen die „untere Milliarde“ der Menschheit („bottom billion“) das „gesamte Spektrum hoch intensiver Kampfmaßnahmen“ („full spectrum of high intensity combat“) in Anschlag zu bringen. (Quelle)

Europa soll eine Milliarde Menschen auslöschen, damit sie nicht mehr gefährlich werden können? Den Hunger einfach wegbomben? Sind die völlig durchgeknallt bei der EUISS? Ich kann vorwegnehmen: Nein, sind sie nicht. Zitiert wird in diesem Abschnitt der Aufsatz „The globalising security environment and the EU“ von Tomas Ries, veröffentlicht in dem Papier What ambitions for European defence in 2020?. Mit seinen tatsächlichen Aussagen hat diese Zusammenfassung aber nur wenig zu tun.1

Was stimmt ist, dass der Autor im starken sozialen Gefälle auf der Welt eine Gefahr (von mehreren) für Europa sieht. Was er im Fall des ärmsten Teiles der Weltbevölkerung jedoch verlangt ist, zu versuchen, die Wurzeln dieses Problemes durch „Nation Building“ zu bekämpfen.2 Da er es nicht für realistisch hält, dass dies bis 2020 erfolgreich geschehen wird, hält er eine stärkere Befestigung der südlichen Grenzen Europas für notwendig.3 Das war dann auch schon etwa alles, was er zu dem Thema schreibt. Aber was ist mit den intensiven militärischen Maßnahmen, damit die Afrikaner uns nicht das Wirtschaftssystem zerstören? Eine Erfindung von German Foreign Policy, die Zitate sind völlig aus dem Zusammenhang gerissen:

Der globale Zusammenbruch des Wirtschaftssystems wird als Worst-Case-Szenario in Folge der aktuellen Wirtschaftskrise und der anwachsenden ökologischen Problemen genannt4, nicht als Gefahr die von den „Premodern Societies“ 5 ausgeht. Das „gesamte Spektrum hoch intensiver Kampfmaßnahmen“ wird ganz am Anfang des Artikels erwähnt. Die EU soll nach Meinung des Autors bis 2020 in der Lage sein, diese einzusetzen. Und zwar als Mittel gezielter Terrorismusbekämpfung.6

Das klingt ja dann doch ein wenig anders als der globale militärische Klassenkampf, den sich GFP da herbeifantasiert. Warum der Autor es für nötig hält, die außenpolitischen Vorstellungen dieses Think Tanks so maßlos zu übertreiben, statt sie einfach darzustellen wie sie sind, weiß ich nicht. Eine ernstzunehmende Quelle für Informationen zu deutscher Außenpolitik ist German Foreign Policy für mich jedenfalls nicht mehr.

  1. Leider ist das Dokument gegen das Herauskopieren von Abschnitten geschützt, weshalb ich nicht zitieren sondern nur Seitenangaben nenne werde [zurück]
  2. S. 62 + 63 [zurück]
  3. S. 67 [zurück]
  4. „S. 61 [zurück]
  5. PMS, so wird die ärmste Milliarde der Weltbevölkerung im Artikel genannt [zurück]
  6. S. 56 [zurück]

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Bei einer Rede in New Hampshire reagiert US-Präsident Obama auf die seiner Ansicht nach überzogene Kritik am neuen Gesundheitsprogramm:

„Because the way politics works sometimes is that people who want to keep things the way they are will try to scare the heck out of folks and they‘ll create boogeymen out there that just aren‘t real.“ (Quelle)

Die Süddeutsche macht daraus:

„Extreme Kritiker versuchten, „einen schwarzen Mann zu konstruieren, den es in Wahrheit nicht gibt“, sagte er und rief zu einer sachlichen Debatte auf.“ (Quelle)

Sprachlich einwandfrei übersetzt, aber um Missverständnisse auszuschließen hätte man sich vielleicht doch für den „Butzemann“ entscheiden sollen…

Sexismus-Ticker

Richard Meusers berichtet im Netzwelt-Ticker auf Spiegel Online über eine Studie zum Thema Eifersucht im Internet:

Und dann war da noch die bahnbrechende Studie zum Verhalten moderner Netzbewohner. Die erstaunliche Erkenntnis: Surfen macht eifersüchtig. Vor allem den Partner und vor allem dann, wenn der geliebte Lebensgefährte sich allzu lang auf sozialen Netzwerken wie Facebook tummelt.

Zum Abschluss des Artikels muss dann natürlich noch ein sexistisches Klischee aus dem Hut gezaubert werden:

Welch eine Neuigkeit. *Jede* PC-Nutzung macht Frauen eifersüchtig. Denn das ist Zeit, die der Mann mit einem Spielzeug verbringt statt mit seiner Frau.

Computer als Männer-Spielzeug und ihre eifersüchtigen Frauen, solche Platidüden haben Spiegel-Leser gerne. Tatsächlich gelesen hat Herr Meusers die Studie offensichtlich nicht:

Women […] in our sample spent significantly more time on Facebook than men

Artikeldrei: Sexuelle Identität

Der LSVD fordert mit seiner Aktion artikeldrei oder auch „3+“, den dritten Artikel des Grundgesetzes folgendermaßen zu ergänzen:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seiner sexuellen Identität, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Dieser Begriff, sexuelle Identität, soll laut LSVD „Lesben, Schwule, Transgender und intersexuelle Menschen“ umfassen. Das finde ich eine recht unglückliche Wahl, denn damit werden zwei zwar angrenzende aber letztendlich doch sehr unterschiedliche Themenkomplexe vermengt.

1) Gender. Um die Problematik der Diskriminierung auf Grund der gewählten Geschlechtsrolle (vor allem wenn diese eben vom biologischen Geschlecht abweicht) zu beschreiben, halte ich „sexuelle Identität“ für problematisch, da sie mit Sexualität ja eigentlich nix zu tun hat. Als Transgender könnte ich am liebsten Sex mit Männern, Frauen, Transsexuellen oder überhaupt niemandem haben wollen, das ist ja nicht der Punkt, sondern die gewählte Geschlechtsidentität.

2) Sexualität. Hier finde ich die andere Hälfte des Wortes problematisch, nämlich das Wort „Identität“. Sex mit Menschen meines Geschlechts, mit Transsexuellen oder überhaupt keinen zu haben ist ja keine Frage der Identität. Zwar wählen viele Menschen den Weg, sich die Identität „schwul“ oder „bi“ zuzulegen, aber das erstrebenswerte Ziel wäre ja eigentlich ein Aufbrechen dieses Schubladendenkens, das uns von der Psychologie der letzten Jahrhunderte aufgeschwatzt wurde und das Hinarbeiten auf einen Zustand, an dem ich einfach mit einem Menschen Sex haben kann, ohne dadurch irgendeine Identität annehmen oder hinterfragen zu müssen.

Meinungen dazu würden mich sehr interessieren. Ich habe auch eine Email an den LSVD dazu geschrieben.

Mehr Bildung über Bildung!

Viele junge Menschen haben anscheinend nicht verstanden, dass das Bildungssystem eines kapitalistischen Staates mit nichten nur dafür da ist, den Schülern und Studenten interessante Dinge zu erzählen. Folgende E-Petition ist auf der Internetseite des Bundestages zu finden:

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass jeder Bachelorabsolvent einen Masterstudienplatz erhält, unabhängig von Note, Herkunft und sozialem Stand.

Mit der jetzigen Regel, bei der es so organisiert ist, dass nicht alle einen Masterplatz erhalten, steigt der Konkurrenzkampf unter den Studenten. Es geht nur noch darum gute Noten zu erzielen, um einen Masterstudienplatz zu erhalten. Die Möglichkeit Interessen auch innerhalb des Studiums zu vertiefen bleibt aus. Der Bachelor ist meist nicht berufsqualifizierend, sodass die übrig gebliebenen Studenten kaum etwas mit dem Abschluss erreichen können. Zunehmend wird die Qualität sinken durch das angestrebte Ziel, dass die Studenten möglichst schnell das Studium beendet haben müssen. Dies alles ist nicht tragbar, wenn ein Studium interessant sein soll und auf den Beruf vorbereiten soll!

Was glaubt denn die Frau Hittmeyer, wofür des denn überhaupt so etwas wie Noten gibt und diese das gesamte Schulsystem durchziehen? Es ist doch gerade eine der Aufgaben der Schulen, die Schüler für den Arbeitsmarkt vorzusortieren. Und auf den Universitäten ist das selbstverständlich nicht anders, ein NC für Masterstudiengänge ist da also eine vollkommen logische Konsequenz und wurde unter anderem dafür eingeführt. In der Petition klingt das so, als wäre das ein Fehler an dem System, an den die Politiker versehentlich gar nicht gedacht haben! Der Bachelor ist nur sehr eingeschränkt berufsqualifizierend? Das ist der Hauptschulabschluss auch. Wer nicht aus gutem Hause kommt, strebsam und intelligent ist und selbstverständlich auch social skills besitzt, ist auf dem Arbeitsmarkt, vor allem in höheren Positionen, einfach nicht erwünscht. Sortiert wird da sowieso irgendwann, und wenn erst beim Bewerbungsgespräch. Dass diese Sortierung nun durch das Bachelor-Master-System vorverlagert wurde, verwundert also eigentlich kaum. Insgesamt also eine sehr naive Petition.

Normalzustand Rot hat anlässlich des Bildungsstreiks einen sehr empfehlenswerten Text über das Bildungssystem geschrieben.